Mila Mar | Hamburg (verlegt vom 26.4.20)

Einlass 19:00 Uhr | Beginn 20:00 Uhr

Der Kuss der Hyänenfrau

Mythen gehören zu der Weltkulturerbe-Stadt Harar in Äthiopien, wie das Gewirr ihrer Altstadt-Gassen und die Düfte über den zahlreichen Märkten, auf denen Verkäufer und Käufer um Schmugglerware aus dem nahen Somalia oder dem fernen China dealen. Eine dieser Legenden rankt sich um die allabendliche Fütterung der Typfelhyänen, bei der die Raubtiere den Menschen bis auf wenige Zentimeter nahekommen.

Im 16. Jahrhundert, als die Region am Horn von Afrika noch Abessinien hieß, ließ der Emir um die Stadt eine hohe Mauer bauen, von der Teile bis heute erhalten geblieben sind. Doch diese Mauer machte, anders als geplant, die Stadt nicht sicherer, sondern unsicherer, denn immer öfter griffen Hyänen die Menschen an.
Der Emir traf sich also mit dem Hyänenkönig, der ihm erklärte, dass sein Volk böse sei, weil die Hyänen nicht mehr in die Stadt konnten, um Abfälle und Aas zu essen. Zurückgekehrt nach Harar beschloss der Rat der weisen Männer, kleine Tore in die Stadtmauer einzubauen, durch die die Hyänen wieder ins Innere gelangen konnten und sie mit dem, was sie gerne essen, zu füttern. Seither herrscht in Harar (und nur in Harar) Frieden zwischen den Menschen und den Raubtieren, über die der Zoologe Alfred Brehm schon sagte: „Unter sämtlichen Raubtieren sind sie unzweifelhaft die missgestaltetsten, garstigsten Erscheinungen“. In der Heiligen Stadt leben aber nicht nur Menschen und Raubtiere sondern auch Muslime, Sufi, katholische und orthodoxe Christen friedlich miteinander und es werden drei Sprachen, Harari, Oromo und Somali gesprochen, ohne dass sich eine Gruppierung in der Minderheit fühlt. Ein Vorbild für die westliche wie für die östliche Welt.

„Harar“ heißt das neue Album von Mila Mar, ihr sechstes in 25 Jahren. Die übliche Zeitrechnung in der Popularkultur gilt nicht für diese Band, die noch nie zeitgenössische Style-Erwartungen erfüllt, sondern ihr eigenes Klanguniversum geschaffen hat. Zehn Songs zwischen den Zeiten, zwischen den Sprachen, zwischen den Welten. Zehn Songs voll surrealer Schönheit.

Den Klageliedern über Einsamkeit, Verlustängste und Vergänglichkeit der Vorgänger EP „Haime“ folgt auf „Harar“ eine optimistischere Aufbruchstimmung. „Morki“, der Opener des Albums, wirkt zunächst archaisch. Hier beginnt die Reise, die von Afrika („Hyäne“) über das Morgenland („Ismare“) bis nach Samiland führt. Der vertraute Mila Mar Soundkosmos Synthesizer - Percussion - Flöte - Geige/Cello ist omnipräsent, doch er klingt jetzt heller. „Staub“ könnte der nächste Klassiker der immer noch schwer greifbaren Band werden, der ihre Fans zwischen Gothic-, Wave-, Ritual-Folk-, Indie- und Weltmusik gleichermaßen motiviert. „Haed“ ist der bisher romantischste Song von Mila Mar, der eine Stimmung verbreitet, die uns gerne durch das Frühjahr in den Sommer führen darf.

Zusammengeführt werden die einzelnen Stränge auf „Harar“ wie immer durch die einzigartige Stimme von Sängerin Anke Hachfeld, die heute weit über die Verletzlichkeit hinausweist, die für die Vorgänger EP so charakteristisch war. Betrachtet man das Albumcover gründlicher, sieht man, wie sich aus dem Kopf der Hyäne Ankes Augen und Teile ihres Gesichts herauskristallisieren. Sie ist die Hyänenfrau, die Schamanin, die in einer bildhaften Sprache Töne singt, die den Frost von den Herzen derer, die ihr zuhören und sich auf die Botschaften einlassen, schmelzen lässt. Am Ende bleibt ein salziger Geschmack auf den Lippen und eine balsamierte Seele.

„Es ist gut so, wie es jetzt ist, es fühlt sich richtig an“, hat Anke im Mai 2018, in einem Interview von MDR Kultur, befragt nach der aktuellen Besetzung und der Stimmung in der Band, gesagt. Wie richtig, das ist jetzt auf „Harar“ zu hören. Es ist ein meisterlich arrangiertes, gewaltiges und zum aus-der-Haut-fahren schönes Album geworden.

Willie Dietzel

Infos

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